„Denk ich an Deutschland in der Nacht, …“

Heinrich Heines Worte von 1844 sind so aktuell wie damals. Zu dieser Zeit war ganz Europa im Umbruch und es uferte aus in den Revolutionen in Frankreich und Deutschland 1848. Politischer Widerstand formierte sich gegen ein repressives Regime.

Ganz ähnlich fühlen sich derzeit wohl die deutschen Wutbürger, die nicht nur im Osten der Republik auf die Straßen gehen und lautstark Veränderung einfordern.

Ich fühle mich ebenso von den Mächtigen unseres Landes schlecht vertreten und doch kann ich nicht verstehen, wie man seine Unzufriedenheit auf die Ärmsten ableiten kann. Mal ganz ehrlich: das System krankt, die Situation ist verfahren, die Politik macht mehr Kompromisse als alles Andere. Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter. Und wer ist daran Schuld? Die Asylanten? Die Moslems? WTF?

Mir fällt spontan ein Witz dazu ein: Ein Kapitalist, ein BILD-Leser und ein Asylant sitzen an einem Tisch, 10 Kekse auf einem Teller in der Mitte. Der Kapitalist nimmt sich 9 Kekse und sagt zum Zeitungsleser „Pass auf, der Asylant will Dir Deinen Keks klauen!“

Mein Vater hat mir einmal das Prinzip der Solidarität erklärt, wobei er es nicht „Solidarität“ nannte (ich war auch zu klein für solche Begriffe), für ihn war das seine ganz normale Lebenseinstellung (als bekennender Atheist): Wenn der, der wenig hat dem was gibt der gar nichts hat, hat jeder etwas!  … Wie gesagt, ich war zu jung um die Frage zu stellen warum denn nicht die, die viel haben etwas hergeben. Mittlerweile brauche ich diese Frage nicht mehr zu stellen, es ist selbsterklärend!

Also warum versuchen wir denn nicht den Ärmsten zu helfen und eine solidarischere / bessere Welt zu schaffen. Warum muss es denn immer noch mehr sein. Warum ist Geiz geil?

Vor ein paar Tagen ein Gespräch an der Supermarktkasse: Kassiererin (mit Migrationshintergrund!) jammert, dass das verdiente Geld immer so schnell wieder ausgegeben ist. Kundin (die beiden kannten sich) beschwert sich, dass DIE hierher kommen und alles geschenkt bekommen. Fazit: die Kundin beschwört, diese Mal RECHTS zu wählen!  … Ähhh, gehts noch? Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?

Haben die denn aus der Geschichte nichts gelernt?

Neulich hat PANORAMA ein Filmchen gezeigt wo Aussagen von Menschen verglichen wurden. PEGIDA Demo heute gegenüber Rostock-Lichtenhagen 1992! Es ist krass, dass sich nichts geändert hat. Dieselben Sprüche wie damals. „Ich bin ja nicht ausländerfeindlich, aber …“ ,  „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ und so weiter.

Als Frau an der Seite eines Mannes dessen leibliche Eltern in den frühen Siebzigern aus einem muslimischen Land nach Deutschland kamen kann ich gar nicht mehr zählen wie oft ich den Spruch „Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber …“ gehört habe. Unzählige Male muss er sich das anhören. Er, der hier geboren, aufgewachsen, sozialisiert ist und den Charakter eines waschechten Südhessen (die Aussage bitte ich als nicht-wertend zu betrachten ;-)) besitzt. ICH hätte bei weitem nicht das Verständnis und die Geduld, die er an den Tag legt.

Und dann wird in der Schweiz darüber abgestimmt ob Menschen mit migrativem Hintergrund (auch in der zweiten oder dritten Generation) schneller ausgewiesen werden dürfen. Unter anderem für Bagatelldelikte wie zu schnelles Fahren? Hört sich an wie ein gruseliger Science-Fiction Film oder ein Experiment wie Die Welle.

Auch ein beeindruckendes Beispiel ist Erika Steinbach, CDU. Sie war Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (müsste wohl eher heißen „Bund der nicht-muslimischen Vertriebenen“!) und ist derzeit die Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe(!!!) der  CDU/CSU. Hat man da nicht auch den Bock zum Gärtner gemacht wenn sie Bilder twittert wie das strohblonde Kind umringt von dunkelhäutigen Menschen die es fragen „Woher kommst Du denn?“ unter der Überschrift Deutschland 2030!

Ich bin empört, verärgert und es ängstigt mich was in Deutschland vor sich geht. Auswandern scheint keine Alternative zu sein, zumindest nicht im näheren Umfeld, da sich dieser Rechtsruck ja nicht nur hier vollzieht sondern auch in Frankreich, Dänemark, Ungarn, … wie es scheint ist ganz Europa betroffen vom braunen Virus!

Also wie reagieren? Soll man zum Ausgleich links wählen, damit es sich die Waage hält? Oder eher den etablierten Parteien zuwenden um die zu stärken, damit sie nicht mit den Rechten koalieren müssen? Sich in der Lokalpolitik engagieren? Sich in der Flüchtlingshilfe engagieren? Mit dem Baseballschläger Glatzen jagen gehen? … Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, ich wär gern wieder das Kind an der Hand des Vaters, dem die Welt erklärt wird und das in dem Wissen aufwächst, dass NICHTS passieren kann solange der Papa die Hand hält!

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “„Denk ich an Deutschland in der Nacht, …“

  1. Meine Kinder haben mich tatsächlich gefragt, ob gegebenenfalls Auswandern oder Flüchten eine Möglichkeit wäre. Nach dem Ansehen dieser Doku über Sebastian Haffner https://www.youtube.com/watch?v=y7A8wn7rF1U kann man schon den Eindruck bekommen, dass es Parallelen gibt. Die Stimme erheben erscheint mir eine lösung und in Kontakt mit dem Mensch kommen. Diese Begrifflichkeiten in der Medienerstattung empfinde ich teilweise als sehr schwierig. Toller Beitrag! Danke!

  2. Ich lese grade im reader von Xeniana über die nächtlichen Träume und hier nun über die nächtlichen Gedanken… bei uns gibt es einen Aufkleber „Nazis wegkuscheln“ da sehe ich ernsthaft als bessere Alternative an. Meine Predigt: auch Nazis sind Menschen unserer Gesellschaft. Mich bewegt woher kommen Sie, wo sind Sie „entstanden“ die gefühlten Fremdkörper…sie waren ja auch vor Pegida da.. die Politik schläft, beschönt, hat wenig Realitätscheckung, hat man ja wieder gemerkt bei Merkels Interview gestern auf der ARD *grmpf* ehrlich unerträglich für mich als gut ausgebildete von Armut betroffene Frau.
    Ja ich mache mir auch seit Jahren Gedanken was ich politisch tun kann, wenn CDU dann vielleicht unterwandern? SPD und Grüne geht auch nicht, die haben den ganzen Hartz4 Mist verzapft der auch mitschuldig ist an den Zuständen im Land.
    Ich bins ehr dafür dort wo ich wirken kann das zu tun, in meinem Umfeld, dran zu blieben, aufgeklärt zu sein, sich zu interessieren und wieder mehr Beteiligung, denn davon lebt Demokratie..die Frage ist für mich wo kann ich mich noch konkreter an einem demokratischem Prozess beteiligen.
    Auch wichtig finde ich Heilungsarbeit auf allen Ebenen .. da bin ich aufjedenfall Aktiv. Wir haben heute andere Möglichkeiten, Erfahrungen und leben wirklich in einer Anderen besseren Zeit. Wach bleiben, seine Wahrheit sprechen…

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