Zynismus im Arbeitnehmeralltag

Wie gut, dass ich mich heute Abend aufgerafft habe und zum Yoga gegangen bin. Yoga richtet mich auf. Körperlich wie mental. Gerade wenn es im Job wieder mal scheiße läuft. Die Arbeit springt mich an und krallt sich in meinen Nacken. Dort sitzt das Scheißbiest, drückt meine Schultern nach unten und lässt mich in der Evulotionsbiologie ein paar Stufen nach hinten gehen. Ich verlerne den aufrechten Gang. Würde ich immernoch eine volle Stelle arbeiten wäre ich nach ein paar Monaten wahrscheinlich soweit in Höhlen zu leben, auf Bäume zu klettern und in Grunzlauten zu kommunizieren.

Ich hatte 3 Wochen Urlaub und habe mich echt auf die Arbeit gefreut. Jetzt habe ich 4 Tage gearbeitet und könnte schon wieder kotzen. Ja klar, Pflege ist kein Kindergeburtstag, Intensiv auch nicht. Aber manchmal kann man nur noch den Kopf schütteln. Ich könnte grad schütteln bis zur Commotio.

Man stelle sich vor es würde ein Patient stationär aufgenommen, der vielleicht einen „schlimmen“ Keim hat. Keime haben bestimmt auch Vorteile, einer der Nachteile ist dass man sie nicht sieht! Also verlässt man sich auf Befunde die andere medizinische Einrichtungen bereits erhoben haben oder man kontrolliert selbst. Vorsichtshalber wird dieser Patient isoliert, dies geschieht zum Schutz anderer Patienten vor Ansteckung (Stichwort Kreuzinfektion) und auch zum Schutz des Personals. Die Bandbreite von Keimen ist weit gefächert. Je ansteckender und je resistenter gegen Medikamente umso gefährlicher ist so ein Keim. Entsprechend wählt man auch die Schutzmaßnahmen. Kittel, Mundschutz und Handschuhe ist klar, jedoch gibt es da Unterschiede. Manchmal lohnt es sich volles Programm zu fahren, das heißt Mundschutz mit Visier (damit man nichts in die Augen bekommt) mit Ausatemventil (die dichten sehr gut ab und man bekommt innerhalb kurzer Zeit Atemnot), Kittel als Einmalmaterial (man braucht bei jedem Patientenkontakt einen neuen Kittel – viel Müll / viel Geld), Plastiküberschuhe (man sieht aus wie die SpuSi im Tatort), Schuhdesinfektionsmatten auf dem Boden oder auch Ganzkörperkittel (wie im Film Outbreak – natürlich das Original von 1995). Gelegentlich ist eine Einzelbetreuung erforderlich. Bedeutet: die Pflegeperson die den bäbä-Patienten betreut darf keinen anderen Patienten anfassen und muss sich an strengste hygienische Richtlinien halten.

Jetzt mal rein hypothetisch gesprochen. Man stelle sich vor es käme ein Patient mit einem sehr ansteckenden Keim in der Anamnese, nennen wir ihn spaßeshalber Acinetobacter baumanii (huiiii). Mag sein, dass die Anamnese vielleicht schwer zu lesen ist (weil in einer anderen Sprache verfasst), ist ja klar, dass man isoliert. Soweit so gut. Und nun gehen die Meinungen auseinander! Isoliert man diesen Patienten herkömmlich oder sehr strikt … und hier steckt des Pudels Kern! Es ist immens teuer und personalaufwendig … und somit nahezu unmöglich umzusetzen. Also geht man her und fährt die normale Variante bis man selbst einen aussagekräftigen Laborbefund hat! Den zu bekommen dauert 3 Tage(!) da man Material bebrüten muss.

Jetzt mal in andere Bereiche des Lebens übersetzt. Man stelle sich vor ein Kantinenkoch bereitet Eiersalat zu. Er merkt bei den letzten paar Eiern, dass die nicht ganz in Ordnung sind. Somit ist die Gefahr gegeben, dass die ganze Chose keimbelastet ist, Gefahr: Salmonellen! Gespräch mit dem Kantinenchef um die Frage zu klären: verwirft man die Speise oder teilt man sie aus und wartet was passiert? Ich bin mir relativ sicher, dass kein intelligenzbegabter Mensch das Essen anbieten würde!  … Lässt sich nun daraus schließen: in der Kantine ist man sicherer als im Krankenhaus? … Gute Frage! ICH bin save! Ich hasse Eiersalat!

Oder: ein Fabrikarbeiter merkt, dass es in der Fertigungshalle komisch riecht. Könnte eine defekte Gasleitung sein. Ruft er den Sicherheitsdienst um dem nachgehen zu lassen? Ja, bestimmt. Zündet er sich in der Wartezeit eine Zigarette an weil er ja noch keine konkrete Info sondern bislang schließlich nur den Verdacht hat???

Aber zum Glück gibt es sowas in dem Krankenhaus in dem ich arbeite ja nicht! Bei uns gibt es keine keimbelasteten Patienten! Und wenn dürfte ich nicht darüber schreiben, da ich als Mitarbeiter zu Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber verpflichtet bin. Es gab schon Abmahnungen weil Personal auf Fratzenbuch über Missstände geschrieben hat … die es ja bei uns nicht gibt!

Mein Arbeitgeber ist so klasse, man hat sich jetzt überlegt wie man dem Personal (welches warum-auch-immer sehr belastet scheint) was Gutes tun könnte. Also setzt man sich zusammen und erarbeitet Ziele. Das Ergebnis ist: in der Kantine wird jetzt auch Bio essen angeboten! Potzblitz! … In einem Krankenhaus arbeiten etwa 75% der Belegschaft in der Pflege, von diesen Leuten arbeiten wahrscheinlich an die 90% im Schichtdienst. Bedeutet: die Pausenzeiten der Schichtdienstler passen nicht mit den Öffnungszeiten der Kantine zusammen! Was wiederum bedeutet: die die den Härtesten Job machen, die Berufsgruppe mit dem höchsten Krankenstand (was NICHTS mit den Arbeitsbedingungen zu tun hat, sind bestimmt auch fiese faule Simulanten bei) haben gar keine Chance in der Kantine zu essen. Stellt man jetzt noch das Einkommen einer Pflegeperson mit den Kosten eines Essens in der Kantine gegenüber kommt man auch auf ein ganz schräges Ergebnis! Tse! Vor einiger Zeit hat man nämlich festgestellt, dass immer weniger Arbeitnehmer in der Kantine essen gehen. Um die Kosten weiterhin zu decken hat man dann schlichtweg die Preise erhöht!

Habe ich also eine Wohnung zu vermieten die keiner will weil sie zu teuer und schlecht gelegen ist muss ich einfach nur den Preis anheben und alles wird gut. Richtig? … Aber ich bin ja kein BWLer! Woher sollte ich sowas wissen!

Wen macht man jetzt verantwortlich? Den Arbeitgeber (Kirche, Staat, Stadt, etc), die Personalabteilung, die Hygieneabteilung, den Geschäftsführer, den Hausmeister? Ich glaube es ist schlichtweg unser System! Ein System das lieber die Chemotherapie als die Vorsorgeuntersuchung bezahlt oder die Wechseldruckmatratze bei bettlägrigen Patienten als die Physiotherapie um zu verhindern dass der Pat bettlägrig wird oder lieber das Bio-essen in der Kantine als die artgerechte Haltung von Mitarbeitern, … das ist schlicht und einfach nur ZYNISCH!

Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren in der Pflege. Ich habe schon so einige Gesundheitsreformen er- und überlebt. Es hat sich in all diesen Jahren weder fürs Personal noch für die Patienten was Wesentliches verbessert. Wäre ich ein zynischer Mensch würde ich sagen: schlimmer geht immer! Aber positives Denken ist ja (vor allem direkt nach der Yogastunde) mein zweiter Vorname. Also freue ich mich auf die Zeit wenn Politiker erkennen werden, dass was faul ist im Staate Dänemark. Und dann wird es bestimmt eine Kommission oder Arbeitsgruppe geben, die sagen wird:“Na Mensch, guck Dir das an, so funktionierts ja gar nicht!“ … und dann … Gibts für alle Bio-Kantinen-Essen und es wird alles gut!!! 🙂

In diesem Sinne Namaste!

(Am Ende wird alles gut und wenns nicht gut ist ists noch nicht das Ende!)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Zynismus im Arbeitnehmeralltag

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s