Angst

Ältere Patienten leiden desöfteren unter Demenz. Das macht den Umgang mit Ihnen umso schwieriger wenn man sie aus ihrem Alltag reißt. Ihre gewohnte Umgebung und die übliche Routine sind ihnen eine Stütze, geben Kraft und Sicherheit.

Im Krankenhaus hingegen ist alles fremd und beängstigend. Ständig will jemand etwas von ihnen, all die Kabel zur Überwachung, keiner kennt die häuslichen Rituale. Abends kommt es regelmäßig dazu, dass solche Patienten durchdrehen. Sobald es dunkel wird haben sie das Bedürfnis zu fliehen. Wenn dann jemand aufsteht der nicht stehen kann fällt er und bricht sich die Gräten. Wie soll das verhindert werden? Auf Normalstation ist eine Pflegekraft für 30 Patienten zuständig. Wie soll sie das bewerkstelligen? Medikamente zum Ruhigstellen? A) gesetzlich schwierig und als Nebenwirkung gesundheitlich nicht ungefährlich (jemand der sehr tief schläft atmet unter Umständen nicht ausreichend und bekommt eine Lungenentzündung) B) Fixierung durch Bauchgurt, Handschlaufen, 5-Punkt-Fixierung? ungesetzlich und für die Patienten kaum zu ertragen. Es gibt kaum eine Lösung für dieses Problem bei dem man nicht mit einem Bein im Knast steht oder einen Haufen schlechte Punkte auf dem Karmakonto riskiert.

Je älter die Menschheit wird umso mehr wird es die Aufgabe der Nachgeborenen sich um sie zu kümmern. Manch einer kommt damit gut klar, andere schaffen das kaum. In meiner Nachbarschaft wohnt eine Frau die ihre pflegebedürftige Mutter betreut. Regelmäßig hört man sie schreien, sie ist in meinen Augen vollkommen überfordert. Eine Kollegin betreute in der ambulanten Pflege eine Patientin die von ihrem Mann geschlagen wurde.

Jemanden 24 Stunden am Tag zu versorgen, Füttern, Waschen, Organisieren, Medikamente, Windeln wechseln, den Hintern abwischen, Gejammer und Gekreische ertragen. Das ist eine große Bürde. Erst recht wenn es der eigene Vater / die Mutter ist. Man überschreitet Grenzen. Es kehrt sich um. Der einstig „starke“ Erziehungsberechtigte wird hilfsbedürftig wie ein kleines Kind – ohne Aussicht auf Besserung. Damit umzugehen ist nichts für schwache Nerven.

Heute betreute ich eine demente alte Patientin die schon seit Jahren pflegebedürftig ist und von ihrer Tochter zu Hause versorgt wird. Diese Tochter ist ein sehr einfaches Gemüt und leider vollkommen empathielos.

Die Patientin schreit sobald man sie anfasst. Sie schreit „Hilfe“, „Nein“ und „Lass mich los“. Was nicht dazu passt ist dass sie ständig um sich greift und alles zu sich heran zieht. Man sollte meinen sie würde andere Menschen wegstoßen, aber sie sucht den Körperkontakt und lässt sich beruhigen wenn man sie streichelt … allerdings nicht durch die Tochter.

Es passiert ganz häufig, dass Menchen wenn ihr Verstand sie verlässt zurückgehen in die Zeit ihres Lebens die sie am meisten geprägt hat. Die Zeit in der sie schier unmenschliche Kräfte aufbringen mussten um weiterzumachen, um zu überleben, sich um ihre Familie zu kümmern.

Ich glaube nicht dass diese Tochter ihre Mutter schlägt, aber mir drängt sich ein anderer Verdacht auf. Die Patientin ist 1927 geboren. Zu Ende des Krieges war sie eine junge Frau. In Kriegen wird gemordet, gefoltert und vergewaltigt. Vielleicht hat diese alte Frau Schlimmes erlebt und dieser Film wiederholt sich in ihrem Kopf als Dauerschleife. Es gab, gerade in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges hunderte von Menschen die den Freitod wählten um dem Feind nicht in die Hände zu fallen.

Jetzt könnte man sagen es sei ein Glück, dass diese Generation nun bald ausstirbt und damit endlich Frieden findet. Andererseits gibt es immernoch Kriege und es geht immer weiter. In Stuttgart läuft ein Projetkt das traumatisierte Frauen aus Afghanistan holt um sie in Deutschland therapeutisch zu behandeln. In Nigeria werden hunderte Mädchen entführt und als Sklavinnen verschachert. Die Kindersoldaten in Ruanda sind jetzt (so sie denn überlebt haben) Mitte/Ende 20. Ich habe mal erlebt wie ein gynäkologischer Chefarzt einer Frau zur Geburt ihres Kindes gratulierte. Leider kam diese Frau aus Bosnien und war ein Vergewaltigungsopfer. Auch die Flüchtlinge aus Syrien haben Schlimmes erlebt und viele überleben die Flucht vor dem Krieg gar nicht. Sie ertrinken wenige Kilometer vor den Stränden an welchen wir so gerne die schönste Zeit des Jahres verbringen.

Ist das nicht alles krank und widerlich?

In 20, 40 und in 60 Jahren werden andere versuchen ihre Angehörigen zu beruhigen und hoffentlich deren Hand halten wenn sie ein ums andere Mal die schlimmste Zeit ihres Lebens durchmachen.

Ich hätte gern eine Fernbedienung für den Projektor um jedem seinen eigenen Schnulzenfilm mit Happyend auf die Festplatte zu programmiern! Das wäre in meinen Augen die sinnvollste Erfindung seit der Händedesinfektion!

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